September 2026
Ca’ del Bosco
Das Weingut als Bühnenmaschine, immersives Erlebnis und emotionale Vision
Unter einer gewaltigen goldenen Kuppel tanzen die Reflexe von 33.000 Flaschen der Cuvée Prestige wie sprudelnde Bläschen. Das Licht gleitet über das Glas und zerstreut sich in bernsteinfarbenen Blitzen, die den Betrachter in einen sanften, fast hypnotischen Taumel hüllen. Ringsum atmet der leuchtende Hohlraum in der Stille des Untergrunds. Das Herzstück des Weinkellers – in der Form einer riesigen, umgedrehten Flasche gestaltet – erreicht man über einen Laufsteg, dessen Konstruktion auf nautischen Technologien basiert und sich traditionellen Entwurfskategorien entzieht. Eine architektonische Bühnenmaschine, ein immersives Erlebnis, eine emotionale Vision. Hier, in 23 Metern Tiefe im Herzen der Franciacorta, schlägt die Seele von Ca’ del Bosco – eines Weinguts, das sich dafür entschieden hat, den Wein als universelle Sprache zu inszenieren.
Um die Tragweite dieses Projekts zu verstehen, muss man zum Anfang zurückkehren: zu jenem kleinen Wäldchen auf den Hügeln von Erbusco, das Ende der 1960er-Jahre von Annamaria Clementi erworben wurde. Ein Ort, der einst für den Familienurlaub gedacht war und den ihr Sohn Maurizio Zanella in eines der visionärsten Unternehmen der italienischen Weinbaukunst verwandeln sollte. Alles beginnt mit jenen zwei Hektar, die nach 55 Weinlesen auf über 280 Hektar angewachsen sind. Im Mittelpunkt steht, damals wie heute, die Eiche, die zum Symbol des Weinguts erwählt wurde und im Zentrum des kreisförmigen Innenhofs steht, der die Besucher empfängt. Um sie herum öffnet sich ein Raum, in dem Gärung, Hefelager und die lange Reifezeit der Cuvées architektonische Form annehmen. Ein gestalterischer Kosmos, der in enger Zusammenarbeit mit dem Studio Falconi Architettura entstanden ist. Die Partnerschaft reicht bis in die Mitte der 1990er-Jahre zurück, als Roberto Falconi Zanella eine flüchtige Skizze auf einem Blatt Papier zeigte. Es brauchte nur diese eine Geste, um den Grundstein für eine dreißigjährige Zusammenarbeit zu legen, die heute in den Händen seines Sohnes Gabriele Falconi liegt. „Die ursprüngliche Idee war, die gesamte Architektur mit dem Hügel verschmelzen zu lassen. Eine große, verborgene Architektur, in die Erde gegraben, um den Wein zu schützen und Feuchtigkeit sowie Temperatur konstant zu halten“, erzählt der Architekt. Aus rein technischen Notwendigkeiten nimmt so eine unterirdische Landschaft von fast 40.000 Quadratmetern Gestalt an, durch die der Besucher auf einem faszinierenden Erlebnisparcours geführt wird. Erst mit den jüngsten, 2023 abgeschlossenen Eingriffen wird das Zusammenspiel von Ästhetik und Funktion noch weiter ausgelotet: In einem allgegenwärtigen Wechselspiel mit zeitgenössischen Kunstwerken wird das sonst Verborgene sichtbar gemacht.
Außen öffnet sich das Cancello Solare (Sonnentor) von Arnaldo Pomodoro wie eine symbolische Schwelle zu den Weinbergen. Kurz dahinter offenbart Eroi di Luce (Helden des Lichts) von Igor Mitoraj eine klassische, verwundete Schönheit, während die blauen Wölfe von Cracking Art wie unerwartete Erscheinungen aus dem Grün auftauchen. Jedes Werk setzt sich in Beziehung zur Landschaft und begleitet den Weg in den Untergrund, wo das Licht gedämpft wird und sich die Wahrnehmungen weiten. „Uns lag daran, eine leichte Verfremdung zu erzeugen, ein Gefühl des Berauschtseins noch vor der eigentlichen Weinverkostung“, so Falconi weiter. Beim Vordringen in das Innere des Kellers bauen plötzliche Raumkompressionen instabile, filmische Perspektiven auf. In dem geneigten Korridor, der mit den Mitteln barocker Perspektivkunst gestaltet wurde, scheint das Ende kontinuierlich zurückzuweichen, als würde es sich dem Blick entziehen. In der Cupola dei Sensi (Kuppel der Sinne) verstummt der Klang, und die Zeit scheint sich zu verlangsamen. Die vom Künstler André Guidot – Gründer des Trama Creative Studio – kuratierte Inszenierung lädt dazu ein, die Essenz des Weins durch Tasten, Riechen, Sehen und Hören ganz neu zu entdecken. In der Mitte öffnet das Ludoscopio von Paolo Scirpa, einem Meister der immateriellen Kunst, einen Lichtbrunnen in eine unendliche Tiefe. In der Galerie der Pupitres filtern die für die Remuage verwendeten Holzbretter das Licht wie ein künstlicher Himmel und zeichnen eine fantastische Konstellation. Im Tunnel, der den Jahrgangsweinen der Vintage Collection gewidmet ist, bilden die Flaschen kompakte Wände in einem fortlaufenden Geflecht, das den Blick auf den „Testimone“ („Zeugen“) von Mimmo Paladino lenkt – einer archaischen und stillen Präsenz. Daneben bewahrt die historische Schatzkammer die Jahrgänge seit 1972 auf: eine Zeitlinie, die von der Evolution des Weinguts und seines Territoriums erzählt. Ausgehend von dieser historischen Dimension wird selbst der Bereich der Stahltanks zu einer Inszenierung von hoher visueller Intensität, in der Zweckmäßigkeit und pures Staunen verschmelzen. Die raumhohen Glaswände offenbaren das Innere wie einen hypertechnologischen Backstage-Bereich, wo zwischen immensen Metallzylindern Il Peso del Tempo Sospeso (Das Gewicht der schwebenden Zeit) erscheint: das lebensgroße Nashorn von Stefano Bombardieri, das in einem unmöglichen Gleichgewicht in der Luft gehalten wird, während Water in dripping von Zheng Lu die flüssige Linie von Tropfen in Stahlskulpturen verwandelt.
Wenn man wieder auftaucht, wirkt die Franciacorta verändert. Die Rebstöcke folgen den sanften Kurven der Hügel, das Licht wird wieder mild, die Landschaft findet zu ihrer Ruhe zurück. Und doch hallt der Eindruck im Blick des Betrachters nach. In dieser Kontinuität von Funktion und Wahrnehmung offenbart sich eine Vision, die mit der Philosophie von Edra seelenverwandt ist: eine Form von sensibler Intelligenz, die Strenge und Freiheit, Präzision und Imagination miteinander verbindet, ohne dass die Form je zu bloßer Dekoration wird. Nichts wird hinzugefügt, nur um zu verblüffen. Jedes Detail trägt dazu bei, ein intensives, tiefgreifendes Erlebnis zu schaffen. Nur so offenbart sich der Wein als das, was er wirklich ist: Zeit, die Gestalt annimmt, Materie, die zu Wahrnehmung wird, und Erinnerung, die sich bewohnen lässt.





